ZEHNTKLÄSSLER IM GESPRÄCH MIT ZEITZEUGEN: DEMOKRATIE WIRD GREIFBAR

Warendorf. Geschichtsunterricht aus erster Hand erlebten die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 des Mariengymnasiums am 25. Februar: Im Rahmen des Kooperationsprojekts mit dem Westpreußischen Landesmuseum „Demokratie braucht Haltung“ berichteten Prosper Schücking und Hanjo Lucassen über das Leben ihrer Vorfahren – zweier Sassenberger Persönlichkeiten, die in der Nachkriegszeit demokratische Werte verkörperten und Haltung zeigten.

Von Gerold Paul

Im Mittelpunkt des Besuchs standen Hans Lucassen, überzeugter Sozialdemokrat und Gründer des SPD-Ortsvereins und der AWO in Sassenberg, sowie Louise Schücking, die mit Unerschrockenheit und klarem moralischen Kompass schon früh die Verdrängung der NS-Zeit hinterfragte.

Zeitgeschichte im Klassenzimmer

Die Jugendlichen hörten aufmerksam zu, als Thomas Rossel, Neffe von Hans Lucassen, zunächst Leben und Wirken seines Onkels skizzierte: Lucassen, im Krieg ausgebombt und nach Sassenberg gezogen, sei ein Mann gewesen, der Demokratie als Aufgabe verstand – nicht als abstrakte Idee, sondern als tägliche Verantwortung. Auch dessen Sohn, Hanjo Lucassen, ergänzte persönliche Eindrücke, die den Jugendlichen einen greifbaren Zugang zur unmittelbaren Nachkriegszeit eröffneten.

Beeindruckend waren auch die Erinnerungen von Prosper Schücking, dessen Großmutter Louise bereits in den 1940er‑Jahren deutlich auf Ungerechtigkeiten hinwies, die damals vielerorts verschwiegen wurden. Er berichtete davon, wie sie ihren Enkeln die Häuser der vertriebenen jüdischen Nachbarn zeigte und erklärte, welche „guten katholischen Deutschen“ diese nun bewohnten – und warum. Die Zehntklässler hörten gebannt zu, als Schücking davon erzählte, wie die Großmutter eine Jüdin in ihrem Wohnhaus gegenüber der Sassenberger Pfarrkirche versteckte und als Verwandte tarnte.

„Wir wuchsen als Kinder schon mit dem Wissen über die Verbrechen der Nationalsozialisten auf“, sagte Schücking. Für viele Schülerinnen und Schüler war dieser Einblick in die familiär überlieferte Erinnerungskultur ein völlig neuer Zugang zur Nachkriegszeit.

Schüler fragen nach – und positionieren sich

 Im anschließenden Podiumsgespräch zeigten die Jugendlichen großes Interesse: Wie erlebte man als Kind diese Zeit, in der antidemokratische Strukturen noch wirksam waren? Wie ging man mit dem Schweigen der unmittelbaren Nachbarschaft um? Und was bedeutet es heute, Verantwortung zu übernehmen?

Zum Abschluss bat Geschichtslehrerin Dr. Stephanie Taube die Jugendlichen darum, ihr eigenes Verständnis von Demokratie zu formulieren. Die Antworten reichten von gegenseitigem Respekt und Mut zur Meinung bis hin zur Notwendigkeit, Minderheiten zu schützen – ganz im Sinne der beiden historischen Vorbilder.

„Demokratie ist nicht einfach nur eine Art, wie ein Staat organisiert ist. Sie funktioniert nur, wenn die Menschen sich einbringen, Verantwortung füreinander übernehmen und einander respektieren. Wichtig sind dabei Meinungsfreiheit, dass verschiedene Ansichten offen besprochen werden können, und der Schutz von Minderheiten. Damit Demokratie klappt, braucht es Engagement und Mut, auch mal für die richtigen Werte einzustehen – denn Demokratie ist kein fester Zustand, sondern etwas, das immer wieder neu gestaltet und verteidigt werden muss“, so antwortete Lucy Blees, Schülerin der 10. Klasse, auf die Frage, was Demokratie für sie bedeutet.

Demokratie als Auftrag – damals wie heute

Das Zeitzeugengespräch war Teil eines Demokratie-Projektes, welches das Mariengymnasium im Januar und Februar in Kooperation mit dem Westpreußischen Landesmuseum durchführte. Magdalena Oxfort, Kulturreferentin für Westpreußen, Posener Land und Mittelpolen, und ihr Team führten den 10. Jahrgang sowie den Projektkurs durch die Ausstellung „Demokratie braucht Haltung“ und vertieften die Inhalte durch Workshops in der Schule. Das Zeitzeugengespräch war der Abschluss der des Projektes und zeigte eindrucksvoll: Demokratie entsteht dort, wo Menschen Haltung zeigen. Für die Schülerinnen und Schüler war der Besuch mehr als ein Blick in die Vergangenheit – er war eine Einladung, über die eigene Rolle in einer demokratischen Gesellschaft nachzudenken.

Wir bedanken uns beim Schulförderprogramm „Demokratie leben lernen“ des Kreises Warendorf, welches die Arbeit finanziell unterstützt hat.

 

 

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