Home » Geschichte » Ohne euch wäre die Geschichte unvollkommen

Ohne euch wäre die Geschichte unvollkommen

„Ohne euch wäre die Geschichte unvollkommen“ – Zeitzeugen berichten von Flucht und Vertreibung nach Kriegsende

Bericht von Leonie Vrochte

Warendorf. Am Mittwochnachmittag wurde der Vortragsraum des Westpreußischen Landesmuseum zu einer Zeitmaschine. Mit an Bord waren Magdalena Oxfort (Kulturreferat Westpreußen), die Zeitzeugen Winfried Patzelt und Herbert Kober, sowie Schülerinnen und Schüler eines Geschichtskurses der Q2 mit ihrer Lehrerin Cordula Mense-Frerich und viele weitere Besucher. Das Thema der Zeitreise lautete: Flucht und Vertreibung.

„Vertreibungen und Wanderbewegungen hat es immer schon gegeben“ berichtet Magdalena Oxfort und führt die Gäste im Zeitraffer durch das Mittelalter hin bis nach dem 2. Weltkrieg. An dieser Stelle übergibt sie das Mikrofon an Herbert Kober, der den Besuchern von dem Zeitpunkt aus seine ganz persönliche Geschichte erzählt. „Ich war 12, als ich mit meiner sechsköpfigen Familie meine Heimat Rosenthal in der Grafschaft Glatz verlassen musste.“ Eine Nacht hatte die Familie, um zu entscheiden, welche Dokumente sie mitnehmen, wie und wo sie ihren Schmuck verstecken und wie viel Proviant sie einpacken sollte. Ziel und Dauer der Reise ungewiss. Kober fordert vor allem die jungen Leute auf, sich diese Situation einmal vorzustellen und zu überlegen, was sie einpacken würden. Er schaut in ratlose Gesichter und meint, genauso habe er sich auch gefühlt.


Nach der Fahrt unter menschenunwürdigen Bedingungen wird die Familie zunächst in einer Pferdebox im Warendorfer Landgestüt untergebracht und dann bei einem Bauern in Coesfeld zwangseingewiesen. Dort lebt sie dann fünf Jahre in einem Speicher, unter sich die Schweine und über sich die Ratten. Dann endlich darf die sechsköpfige Familie ihre eigene Wohnung beziehen. Der ehemalige Stadtangestellte hat auch ein Geschenk einer polnischen Lehrerin, der er einmal geholfen hat, mitgebracht – als Zeichen der Versöhnung: eine Schulchronik aus dem 19. Jahrhundert, handgeschrieben und sorgsam gepflegt. Vorsichtig geben es die Besucher durch die Reihen und sind mehr als beeindruckt, als sie über die fast 200 Jahre alten Seiten streichen.
Emotional wird es nochmal, als Winfried Patzelt das Wort ergreift. Er geht nicht strukturiert vor, sondern kann den Zuhörern eine Geschichte nach der anderen erzählen. Er kommt aus der gleichen Gegend wie Kober und beginnt seine Erzählung mit der „schlimmsten Zeit“. Die Bauernfamilie im Kreis Warendorf, der er zugewiesen worden war, war ihm nicht freundlich gesonnen. „Mir wurde auf den Kopf gespuckt und wir lebten ohne fließend Wasser und ohne Toilette auf dem Hof“. In der Schule wird er geschlagen und beschimpft, die Lehrerin unternimmt nichts. Der „Befreiungsschlag“ ist der Tag, an dem er in den Fußballverein aufgenommen wird: „In der Kabine sind alle gleich.“
Nach 27 Jahren hat er dann das erste Mal sein Dorf in Schlesien besucht. „Es war sehr bewegend!“, erinnert er sich. Seitdem atme er drei bis vier Mal im Jahr Heimatluft, sein Geschenk zum 70. Geburtstag hat er sich selbst gemacht, er ist von Beckum aus bis nach Polen zu seinem Heimatdorf gelaufen. In einer Gedenkmesse habe dann ein polnischer Bischof zu den Vertriebenen gesagt, dass die Geschichte ohne sie nicht vollständig sei. Das fand Patzelt „riesig“.
Für die Schülerinnen und Schüler des Geschichtskurses hat er euch noch eine Anekdote. Er wäre damals gerne auf ein Gymnasium gegangen, aber das Schulgeld von 30 DM war zu viel für seine Eltern. Ein kleiner Denkanstoß.
Am Ende gibt er dem Publikum noch zum Verhalten der Heimatvertriebenen heute mit auf den Weg: „Was wir auf unterster Ebene für die Völkerverständigung tun, das schafft die große Politik nicht.“

Termine

Archiv