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ERINNERN FÄNGT IN DER GEGENWART AN!

„Erinnern fängt in der Gegenwart an!“ (Liesel Binzer)

Gespräch mit der Zeitzeugin Liesel Binzer im Mariengymnasium Warendorf

Bericht von Kerstin van den Boom, Johanna Oortmann und Leonie Tissen

Warendorf. Vor dem Elternhaus von Liesel Binzers Mutter auf der Hoetmarer Straße 3 in Freckenhorst liegen heute Stolpersteine, die an das Schicksal jüdischer Opfer des Nationalsozialismus erinnern. 1942 waren Liesel Binzer, geb. Michel, Jahrgang 1936, und ihre Eltern, Hilde Michel und Bernhard Michel, aus Münster nach Theresienstadt deportiert worden. Diese Familie gehört zu den wenigen Menschen, die den Holocaust überlebten. Nach dem Krieg zog sie nach Freckenhorst.

„Es ist ein Wunder, dass wir überlebt haben!“, berichtet Liesel Binzer am Donnerstag, dem 21.02.2019, den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangstufe 10 des Mariengymnasiums in Warendorf. Sie ist in Begleitung des Historikers Matthias Ester vom Geschichts-Kontor Münster. Er moderiert das Gespräch, präsentiert Dokumente und Fotos einzelner Lebensstationen und erläutert den historischen Kontext.

Kurz nach der Reichspogromnacht am 9.11.1938 wurde der Besitz der Familie enteignet, und sie musste aus ihrer Wohnung in Münster in die Marks-Haindorf-Stiftung am Kanonengraben 4 ziehen. Es seien bereits diese frühen Erfahrungen der Ausgrenzung und Entbehrungen gewesen, die ihr weiteres Leben prägten, berichtet Liesel Binzer: „Nicht draußen spielen zu dürfen, sondern meinen Alltag in zwei engen, dunklen und feuchten Kellerräumen verbringen zu müssen, war schrecklich.“ Nur eine ehemalige Nachbarin schaute nicht weg und unterstützte die Familie, indem sie ihr heimlich Lebensmittel zukommen ließ.

Theresienstadt

Am 31. Juli 1942 wurde die Familie Michel in das Konzentrationslager nach Theresienstadt deportiert. Direkt bei der Ankunft wurde die fünfjährige Liesel Binzer von ihren Eltern getrennt und kam in ein Kinderheim. Die Erinnerungen an diese Zeit sind nur bruchstückhaft. Sie erkrankte an Scharlach und Masern. Diese Krankheiten wurden nicht behandelt, sodass sie seitdem schwerhörig ist. Sie lag auf der Isolierstation, die Eltern durften sie nicht besuchen. Ihr Vater hatte im Ersten Weltkrieg beide Beine verloren, saß in einem Rollstuhl und winkte ihr manchmal aus der Ferne zu. Das sei  ein kleiner Trost für sie gewesen. Der Alltag war trist, geprägt von Hunger und Angst.

Bei ihrem Vortrag werden Fotos aus dem Propagandafilm „Theresienstadt“ gezeigt, die ganz normale Alltagssituationen abbilden sollten: An einem sonnigen Tag gehen Bewohner des Ghettos spazieren, lesen Bücher, einige Jugendliche spielen Fußball, andere sitzen in einem Kaffeehaus und essen. „Der ganze Film war eine Täuschung!“, wirft Liesel Binzer ein. Sie war von den Produzenten gebeten worden, sich vor das Kaffeehaus zu setzen und ein Eis zu essen. Sie freute sich, doch der Eisbecher war leer. „Das war eine große Enttäuschung!“, sagt Liesel Binzer.

Heimlich erhielten die Kinder Unterricht, doch dann sollten alle Bücher verbrannt werden. Liesel konnte bereits lesen und schreiben, stahl sich mutig ein Buch, stellte dann aber fest, dass es sich um ein Gebetbuch in hebräischer Sprache handelte, eine Sprache, die sie nicht beherrschte. Dieses Buch besitzt sie heute noch, genau wie einen Teddybären, den sie von der Mutter eines Kindes geschenkt bekam, das nicht überlebte. Von den über 15.000 Kindern, die nach Theresienstadt deportiert wurden, haben weniger als 150 überlebt. Auch Liesel Binzer stand einmal auf einer Todesliste, doch ihre Mutter konnte sie retten. Liesel Binzer weiß bis heute nicht, wie ihr das gelungen ist. Vielleicht lag es daran, dass die Mutter für die Rüstungsproduktion arbeitete. Anders erging es Liesels Tante Elly, die ebenfalls im Lager interniert war, mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Sie wurden nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet.

Befreiung und Leben nach 1945

Drei Jahre verbrachte Liesel Binzer in Theresienstadt. Dann kam der Tag der Befreiung durch die Rote Armee. Die Familie zog in das Haus der Großeltern mütterlicherseits nach Freckenhorst. Hier verlebte Liesel Binzer ihre Jugend, ging in Warendorf auf das katholische Mariengymnasium, machte 1957 ihr Abitur und wurde Betriebsprüferin. „Es ist ergreifend, dass Frau Binzer es geschafft hat, trotz ihrer traumatischen Kindheitserfahrungen eine eigene Familie zu gründen, drei Kinder bekam und heute Großmutter von sieben Enkelkindern ist. Gleichzeitig ist es beeindruckend, dass sie vor so vielen Menschen über ihr Schicksal berichten kann. Doch das war nicht immer so. Mit ihren Eltern sprach sie nie über die Zeit im Konzentrationslager, und auch ihre Klassenkameradinnen stellten keine Fragen. Liesel Binzer war eine stille, zurückhaltende Schülerin. Sie wollte nicht auffallen“, kommentiert die Schülerin Johanna Oortmann ihre Eindrücke vom Vortrag.

Eine Aufarbeitung der Erlebnisse findet erst seit den letzten zehn Jahren statt. „Wir Enkelkinder – “, erzählt Sharon Laufmann, die ihre Großmutter bei dem Gespräch begleitet – „haben viele Fragen gestellt, und auch unsere Eltern haben erst als Erwachsene erfahren, was Oma erlebt hat.“

Heute lebt Liesel Binzer in der Nähe von Frankfurt. Sie arbeitet im Vorstand des Vereins „Child Survivors Deutschland“, in dem sich Betroffene zusammengeschlossen haben, die während des Nationalsozialismus wegen ihrer jüdischen Wurzeln verfolgt wurden. Die Mitglieder verstehen sich als Zeitzeugen gegen das Vergessen, sie wollen die Erinnerung an den Holocaust wachhalten und setzen sich für weltanschauliche Toleranz und ein respektvolles Miteinander in der Gesellschaft ein, um den heutigen Jugendlichen eine Vorstellung von Werten und Verantwortung zu vermitteln. Seit etwa zehn Jahren berichtet Liesel Binzer an Schulen über ihr Verfolgungsschicksal. Ihre Erinnerungen hat Liesel Binzer 2017 in einem Buch mit dem Titel: „Ich prägte mein Leben in – wegen – trotz Theresienstadt“ veröffentlicht.

„Das Gespräch mit Frau Binzer wird den Schülern und Lehrern lange im Gedächtnis bleiben“, fassen die Schülerinnen Johanna Oortmann und Leonie Tissen ihre Eindrücke zusammen. „Es war eindrucksvoll, Bilder ihrer Familie zu sehen, da man so die Gesichter der Menschen kennenlernen konnte, von denen viele ermordet wurden. Wir müssen uns an den Holocaust erinnern und dürfen ihn nicht vergessen. Wir gehören vielleicht zu den letzten Menschen, die diese Zeitzeugengeschichten noch persönlich hören und nicht nur in Geschichtsbüchern davon lesen. Diese Erfahrungen regen zum Nachdenken über die aktuelle politische Situation an.“

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