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DIE FLUCHT IN DEN WESTEN

Eingangstor © Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon

Gespräch mit der Zeitzeugin Katharina Leendertse im Mariengymnasium Warendorf

Bericht von Gerold Paul, Johanna Oortmann und Marlena Wörmann

Berlin/Warendorf. In Deutschlands Hauptstadt stößt man an vereinzelten Stellen noch auf Mauerreste, ehemals Bestandteile einer umfangreichen Grenzanlage, deren Sinn der Besucher nur mit zusätzlicher Hilfe erschließen kann. An dieser im Jahr 1961 errichteten Grenze wurde am Valentinstag des Jahres 1964 Katharina Lässig für ein halbes Jahr ihrer Freiheit beraubt – fast sogar ihrer Aussicht auf ein gemeinsames Leben mit ihrem damaligen Verlobten Albert Leendertse. Das Paar lebt heute im Warendorfer Süden.

Die Grenze, die Deutschland teilte, ist aus dem Bewusstsein gerückt. Deshalb fällt es heutigen Schülern schwer, sich das Leben diesseits und jenseits der Grenze vorzustellen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat deshalb ein Koordinierendes Zeitzeugenbüro (KZB) als zusätzliches Angebot der politischen Bildung eingerichtet. Es dient als gemeinsame Servicestelle der Bundesstiftung Aufarbeitung, der Stiftung Berliner Mauer und der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Das Büro ermöglicht es Schulen, DDR-Zeitzeugen in den Unterricht einzuladen. Eine dieser Zeitzeugen ist die Warendorferin Katharina Leendertse, geborene Lässig.

Valentinstag 1964

Katharina Lässig wollte über die Grenze. Die große Liebe wartete. Doch die Flucht wurde vereitelt. Einer der Fluchthelfer war ein Stasi-Spitzel. Sie kam ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, der heutigen Gedenkstätte, und wurde unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Heute ist das alles Geschichte, doch Katharina Leendertse erinnert sich an jedes Detail. An diesem Donnerstag, dem 21. Juni 2018, berichtet sie den Schülerinnen und Schülern der neunten Jahrgangsstufe des Mariengymnasiums Warendorf davon. Ein erstes Gespräch mit der Zeitzeugin und einem Teil der neunten Klassen hat bereits drei Tage zuvor stattgefunden.

Selten habe in einer Klasse so viel Ruhe geherrscht, wie Katharina Leendertse mit ihren Worten erzeugt habe, stellen die Neuntklässlerinnen Johanna Oortmann und Marlena Wörmann im Rückblick fest: „Gespannt lauschten alle dem fesselnden Vortrag, der durch Originalaufnahmen der damaligen Zeit unterstützt wurde. Gerade die Schilderung der grausamen Verhörmethoden, mit denen die Stasi versuchte, die Insassen psychisch zu schwächen, schockierte viele sehr. Hierzu wurde auch ein eindrücklicher Selbstversuch angestellt. Eine der Strategien der Stasi war es nämlich, Verdächtige während des Verhörs zu zwingen, eine unbequeme Sitzhaltung einzunehmen. Sie mussten gerade sitzen und die Hände für mehrere Stunden unter die Oberschenkel legen, damit sie sich anspannten und sich infolgedessen nicht mehr richtig auf die Fragen zum angeblichen Tathergang konzentrieren konnten. Aber schon das fünfminütige Sitzen in einer solchen Haltung empfanden wir Schüler als äußerst anstrengend. Es wurde klar, was für eine Qual es gewesen sein musste, eine solche Sitzhaltung über Stunden hinweg einzunehmen.“

Leben in der DDR

Ganz und gar nicht zurecht kam Katharina Lässig mit der Diktatur bereits vor ihrer Flucht. Berufswünsche scheiterten. Sie habe nicht aus der Kirche austreten wollen und dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Medizin konnte sie auf gar keinen Fall studieren, weil sie sich nicht für die staatliche Jugendweihe gemeldet hatte. So studierte sie für das Lehramt. Als Lehrerin – „als Funktionärin also!“, erläutert Katharina Leendertse ihren Zuhörern – hätte sie aber für den Staat und seine Institutionen werben müssen, was ihr unmöglich war. Geradezu erleichtert zeigten sich die Schüler – so Johanna Oortmann und Marlena Wörmann — über die Erkenntnis, „dass in einer Demokratie jeder die Oberstufe besuchen und einen Schulabschluss machen kann, ohne von der Regierung dazu gezwungen zu werden, eine bestimmte politische Meinung zu vertreten und dem Idealbild des Staates zu entsprechen.“ Katharina Lässig wurde schließlich Gemeindehelferin und hatte daraufhin mit vielen Repressalien zu leben. Der Glaube sei ihr aber immer wichtig gewesen. „Man verliert viel, wenn man in solch einem Staat Widerstand leistet“, sagt sie, „aber man gewinnt auch etwas: die eigene Würde.“

Paul Lietmann, Katharina Leendertse und die Geschichtslehrerin Kerstin van den Boom (vorne von links) in einer Pause mit Schülern der 9. Klassen im Hintergrund

Klopfzeichen aus der Zelle

„Tok-tok“. Die Schüler hätten es für das Morsealphabet halten können. Später stellte Katharina Leendertse klar, dass es sich um einen einfacheren Alphabetcode handelte, welchen die Inhaftierten in Hohenschönhausen zur Kommunikation zwischen den Zellen benutzten. Gespannt lauschen die Schüler, als die kleine Frau die Klopfzeichen auf einer Blechdose demonstriert. „Tok-tok“ hieß: „Bist du da?”. „Man fühlte sich in der Einzelhaft wie in einem Sarg“, sagt Katharina Leendertse, „aber durch diese Klopfzeichen nach dem Alphabet konnte ich mit einer Zellennachbarin, einer Schweizerin, kommunizieren und ihr die Adresse meines Verlobten im Westen übermitteln. Sie kam früher als ich aus der Haft frei und konnte meinen Verlobten über meinen Verbleib informieren. Niemand wusste ja nach der gescheiterten Flucht, wo ich war. Ist das nicht ein Wunder gewesen?“, fragt Katharina Leendertse im Rückblick. Am Ende, nach insgesamt sechs Monaten Haft, davon fünf in Hohenschönhausen, ist Katharina Leendertse am 20. August 1964 von der Bundesrepublik Deutschland für Butter im Wert von 40.000 DM freigekauft worden. Endlich gelangte sie in den Westen und konnte ihren Verlobten in die Arme schließen.

„Das Gespräch mit Frau Leendertse wird Schülern und Lehrern lange im Gedächtnis bleiben,“ fassen Johanna Oortmann und Marlena Wörmann ihre Eindrücke zusammen. „Es wird uns immer daran erinnern, welch hohes Gut es ist, dass unsere Rechte heute von staatlichen Einrichtungen geachtet werden und wir als freie Menschen leben können.“

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